Ist Hochsensibilität nur ein Trend?!

Oder steckt mehr dahinter?

In letzter Zeit höre und lese ich öfter Sätze wie: „Hochsensibilität ist doch nur ein kommerzialisierter Trend!“ Keine Frage, das Geschäft mit den „Gefühlsmillionären“ brummt derzeit.

Vor 6 Jahren habe ich zum ersten Mal den Begriff „Hochsensibilität“ wahrgenommen und seit dem ist viel passiert: Anfänglich kleine Facebook-Gruppen haben mittlerweile mehrere tausend Teilnehmer, in vielen Volkshochschulen gibt es Kurse für HSPler, gefühlt erscheint jeden Monat ein neues Buch, Blogs sprießen nur so aus dem Boden, weltweit erforschen Universitäten die Hochsensibilität und erst vor Kurzem hat die erste Doktorandin, Frau Dr. Christina Blach, mit einer deutschsprachigen Dissertation zum Thema Hochsensibilität – Ein empirischer Zugang zum komplexen Phänomen der Hochsensibilität – ihr Rigorosum bestanden. An dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch!

Ich beobachte das Geschehen nun schon etwas länger aus drei verschiedenen Blickwinkeln.

Blickwinkel 1 – Aus der Sicht eines Strategieberaters

Als Strategieberater mit Spezialisierung auf Marketing bin ich von der Entwicklung fasziniert.

Definieren wir doch erst einmal den Begriff „Trend“:

Ein Trend ist eine neue Auffassung in Gesellschaft, Wirtschaft oder Technologie, die eine neue Bewegung bzw. Marschrichtung auslöst… Die Einführer eines neuen Trends werden Trendsetter genannt, vor allem im Bereich der Mode.

Quelle: Wikipedia

Ist Dr. Elaine N. Aron, als Begründerin der Hochsensibilität, also eine Trendsetterin?

Nach dieser Definition ganz klar: Ja! Denn das Thema „Hochsensibilität“ hat sich in den letzten Jahren definitiv zu einer – für viele Menschen – „neuen Bewegung“ entwickelt.

ABER: Der Begriff „Trend“ vermittelt den Eindruck das Etwas schnell entsteht und genauso schnell wieder vergehen kann. So ist es in diesem Fall nicht. Denn es gibt ein Vor und ein Nach dieser „neuen Bewegung“.

Schon lange bevor es den Begriff „Hochsensibilität“ gab, hat ein Teil der Menschen erkannt das sie mehr wahrnehmen als andere Menschen, sie konnten es nur nicht definieren, da es keine offizielle Bezeichnung dafür gab. Höchstwahrscheinlich wird es auch noch vielen weiteren Generationen genau so ergehen, unabhängig davon ob es dann immer noch „Hochsensibilität“ genannt wird.

In der Presse kann man verfolgen, wie der Trend „gesteuert“ wird. Die meisten Berichte werden von Bildern untermalt, auf denen Menschen zu sehen sind, die sich entweder total überfordert an den Kopf fassen, sich die Ohren zuhalten oder in irgendeiner Form deprimiert aussehen. Frei nach dem Motto: „Klar… wer mehr wahrnimmt als andere muss zwangsläufig darunter leiden.“ Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Zum einen zeigt mir meine Erfahrung mit Hochsensiblen, das der Großteil der HSPler nicht unter der Hochsensibilität leidet und zum anderen denke ich, dass der Grund dieses gemachten „Images“ ein anderer ist. Berichte rund um das Thema „Leiden“ und „Krankheit“ lassen sich einfach leichter unters Volk bringen. Man stelle sich vor die Boulevard-Presse würde nur noch Positives berichten: Es würde schlicht keinen mehr interessieren und die Zeitung würde zum Ladenhüter verkommen. So tickt nun mal der größte Teil der Menschheit. Und genau hier müssen wir HSPler vorsichtig sein, denn wenn sich dieses „Image“ des „leidenden Hochsensiblen“ durchsetzt und zum Wahrzeichen wird, haben wir sehr bald das Problem, dass sich die Hochsensiblen – die ja so wieso meistens introvertiert sind – noch weniger outen. Und für die, die schon länger von „Softies“ und „Weicheiern“ reden, wäre es Wasser auf deren Mühlen.

Blickwinkel 2 – Aus der Sicht eines Coaches

Eine Frage die mir häufig gestellt wird: Wofür braucht ein HSPler eigentlich einen Coach?

Hochsensible die andere Hochsensible in ihrem Umfeld haben, haben meistens weniger Probleme mit ihrer Hochsensibilität, da sie sich austauschen können und sich verstanden fühlen. Aber es gibt auch die HSPler, die entweder keinen Gesprächspartner diesbezüglich haben oder sich einfach nicht trauen das Thema in ihrem Umfeld anzusprechen. Genau an der Stelle kann ein Coach helfen das komplexe Innenleben eines Hochsensiblen zu sortieren oder als „Sparringspartner“ und „Reflektionsgefährte“ für mehr Klarheit sorgen.

Als Coach merke ich wie das Thema immer mehr Menschen berührt. Häufig beginnen Coaching-Anfragen mit dem Satz: „Ich habe das Buch x von Autor/in y gelesen und ab da wusste ich das ich auch hochsensibel bin.“

Was wäre, wenn es die ganzen Bücher, Blogs und Internetseiten nicht geben würde? Viele Hochsensible erkennen sich in den Büchern und Beschreibungen wieder. Endlich fühlen sie sich verstanden, merken dass sie nicht allein sind und können sich mit Gleichgesinnten wertschätzend austauschen. Plötzlich wird aus der „lang getragenen Last“ ein „Paket voller Überraschungen und Wunder“. Ob im Coaching oder am HSP-Stammtisch: Es ist immer wieder ein bewegender Moment, wenn Menschen zum ersten Mal von der Hochsensibilität erfahren, sich erkennen, merken das auch andere Menschen ihre Empfindungen und Wahrnehmungen teilen und sie endlich sie selbst sein dürfen. Solche befreienden Momente werden häufig von starken Emotionen begleitet. Es wird nicht selten gelacht und/oder geweint. Genau diese Momente sind es, weshalb ich Coach geworden bin und meine Berufung liebe.

Blickwinkel 3 – Aus der Sicht eines HSPlers

Als Hochsensibler freue ich mich, dass das Thema endlich seinen „Raum“ erhält und immer mehr an die Öffentlichkeit drängt. Was hätte ich dafür gegeben, wesentlich früher erkannt zu haben, dass ich hochsensibel bin? Wie hätte mich mein Hausarzt behandelt, wenn er damals schon den Begriff Hochsensibilität gekannt hätte? Hätte er dann meine Schmerzen und Ängste „besser“ deuten können? Wären zwischenmenschliche Beziehungen vielleicht anders verlaufen?

Selbstverständlich bemerke ich auch die „negativen“ Seiten. Wenn zum Beispiel mal wieder eine Facebook-Gruppe zum Thema Hochsensibilität – ungefragt – als „Werbe-Channel“ für Dienstleistungen missbraucht wird, ein „Fachmann“ in den Medien zum Besten gibt, dass sämtliche psychische Störungen auf Hochsensibilität aufbauen oder wieder ein Presse-Bericht über HSP veröffentlicht wird, mit einem leidenden Menschen als Titel-Bild, das schon beim einfachen Hinsehen Schmerzen auslöst.

Mein Fazit:

Hochsensibilität ist definitiv weit mehr als „nur“ ein Trend.

Nicht jeder Dienstleister ist seriös und auch die Medien – ich habe es schon erwähnt – neigen dazu, das Thema in eine „falsche Ecke“ zu platzieren und mit einem Stempel zu versehen. Es wäre schlimm, wenn die letzten Jahre, in denen sich so viel Positives getan hat, zunichte gemacht werden, nur weil Hochsensibilität auf Dauer mit „Leiden“ gleichgesetzt und damit zu einer Krankheit gemacht wird.

Wir sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass im Moment eine „Maschinerie“ im Gange ist, die viele Chancen und Möglichkeiten bietet aber auch mit Vorsicht zu genießen ist. Es wird Zeit, dass das Thema den Weg in die Welt findet und das geht nur über Aufmerksamkeit. Ja, bestimmt nicht um jeden Preis, aber verschließen sollten wir uns diesbezüglich auch nicht, sondern mit unserem Bauchgefühl und unserer Intuition entscheiden. Genau dafür haben wir Hochsensiblen diese Gaben.

In diesem Sinne: Danke für deine Zeit!

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2017-06-08T12:45:22+00:00

About the Author:

Ich bin Coach & Strategieberater. Als Coach habe ich mich auf die Hochsensibilität spezialisiert und als Strategieberater helfe ich Unternehmen ihr Marketing zu optimieren.

5 Comments

  1. Johanna Ringe 14. März 2016 at 17:26 - Reply

    Schöner Artikel, Sascha, schöne Seite….!
    Einzig die Illustration mit der Lupe, die noch x-mal drin ist, und vermutlich eine Art Platzhalter sein sollte, stört doch sehr…. 😉

    Mach es Dir nett im Netz, und viel Erfolg, besuch mich doch auch mal… 🙂
    Johanna

    • Sascha Schnackenberg 14. März 2016 at 19:26 - Reply

      Hallo Johanna,

      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Da hatte sich tatsächlich ein „Bild-Fehler“ eingeschlichen. Fehler ist behoben 🙂

  2. Birgit Rott 17. Mai 2016 at 21:06 - Reply

    Hallo Sascha,
    heute hatte ich Zeit mal auf deiner Website zu stöbern. Gute Arbeit. Hört sich sehr arbeitsintensiv und vielseitig an, deine Arbeit. Und deine Situations-Beschreibung eines HSPlers wie er eine Kneipe betritt, trifft den Punkt. Gut das es Leute gibt, die Dinge so ausdrücken können. So wird es auch für Normalsensible greifbarer. Wir haben noch gestern noch miteinander auf dem Dünenhof gesprochen, am Ende der Veranstaltung. Meine Homepage, falls Interesse: http://www.kindertagespflege-ostrhauderfehn.de
    Noch eine erholsame Woche. Und frohes schaffen für deine gute Arbeit.
    Gruß Birgit Rott

  3. Steffi 2. April 2017 at 2:09 - Reply

    Danke, Sascha, für den interessanten Artikel.
    Es stimmt – es ist gut dass dieses Thema nun mehr Aufmerksamkeit bekommt und es ist ebenso gut, genau hinzuschauen bei der Berichterstattung.
    Ich wusste schon sehr früh, dass ich Hochsensibel bin, auch wenn es damals noch keinen Namen dafür gab und meine Eltern es Mangels eines besseren Ausdrucks „hypersensibel“ nannten, was natürlich bestimmte negative Bilder auslösen kann.
    Persönlich empfand und empfinde ich die erhöhte Sensibilität trotz aller Schwierigkeiten, die mir begegneten, viel öfter als Segen denn als Fluch. Allerdings vermute ich stark, dass ich vielleicht auf weniger Schwierigkeiten getroffen wäre, wenn es damals schon ein klareres Bewusstsein für das Thema HSP in der Gesellschaft gegeben hätte. 😉
    Alles Liebe,
    Steffi

    • Jutta 29. Juni 2017 at 10:09 - Reply

      Sehr schöner Artikel, lieber Sascha.

      Die Worte sprechen mein Innerstes an. Ich beschäftige mich seit nunmehr sechs Jahren mit dem Thema Hochsensibilität. Sie hat mich, wie wahrscheinlich viele andere, in die Selbstständigkeit geführt. Ein wenig schade finde ich das schon. Auch wenn ich dort sicherlich besser aufgehoben bin. Meiner Ansicht nach fehlen die hochsensiblen Gemüter in den Unternehmen, denn dort werden sie mehr gebraucht den je. Ebendiese Eigenschaften wurden mir, in meiner Zeit als Angestellte, hoch angerechnet.

      Nur leider verlieren viele Unternehmer, im Kampf um die Marktführerschaft und die schwarzen Zahlen diese sehr wichtigen weiche Skills aus den Augen. Obwohl der Wunsch der Kundenbindung groß ist werden oft KeyAccount-Postionen mit den falschen Leuten besetzt. Alles wird anonymisiert, digitalisiert und es wird weniger gegönnt den je. Wir sind vielleicht keine Rampensäue, aber meine große Hoffnung ist die Energie der Masse, zusammen können wir noch viel erreichen. Vielleicht ist es unsere Aufgabe daran zu erinnern, dass nicht jede Entscheidung ein Resultat der Zahlen und rationalen Entscheidungen sein darf.

      Herzliche Grüße

      Jutta

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